Wie diese Legende vom Liebesturm geht, wollt ihr wissen? Könnt ihr haben. Es handelt sich um ein ganz besonderes Bauwerk mit dem Namen “La Toretta Marinich”, sechseckig, aus Natursteinen gemauert, vielleicht gerade mal zwölf Meter hoch, mit einer außen spindelförmig verlaufenden Wendeltreppe drum herum und einer Aussichtsplattform oben drauf. Seine Entstehungsgeschichte ist die von Petar und Antonija, einem sehr unterschiedlichen Paar. Daniela hat sie mir erzählt. Und es ist alles andere als eine Legende, es ist das wahre Leben! Glaubt mir.
Er, Petar, stammte aus einer eher armen Familie, während Antonija ein Mädchen aus wohlhabendem Hause war. Sie kannten einander schon ewig, hatten als Kinder zusammen gespielt, verbrachten ihre Kindheit gemeinsam. Und wie es nicht anders zu erwarten war, verliebten sie sich ineinander. Als aber Petar zwanzigjährig ebenso erwartbar seiner Antonija einen Heiratsantrag machte, war ihre Familie strikt dagegen: Die Standesschranken standen einer Hochzeit im Wege. Wir befinden uns noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Petar fasste den Entschluss, zur See zu fahren, um als reicher Seefahrer zurückzukehren und dann seine Antonija standesgemäß zu ehelichen. Vorher versprach er seiner Angebeteten noch ein Haus zu bauen mit einem schönen Garten und dazu einen hohen Turm, von dem aus Sie das Meer und die Inseln beobachten könnte, während sie auf seine Rückkehr wartete. Sie versprach ihm ewige Treue – und wir merken schon: Das ist der Romantik zu viel. Jahre vergingen. Petar segelte um die ganze Welt, befuhr alle Ozeane, machte Geschäfte in Australien, Amerika und Afrika. Antonija indessen verfiel in Ungeduld und Zweifel um Petars Rückkehr. Des jahrelangen Wartens müde und mürbe, heiratete sie einen von Petars Freunden.
Erst zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch kehrte Petar auf die Adriainsel Silba zurück, er kam als reicher Kapitän in seine Heimat. Man sagt, dass hunderte von Menschen sein Schiff erwartet und empfangen hätten, nur – wie er enttäuscht feststellen musste – war seine Antonija nicht dabei. Aber in der Menschenmenge entdeckte Petar ein Mädchen, das genauso schön war wie seine Angebetete, ein wahres Abbild von Antonija. Es war deren Tochter Izidora Domenika. Als Petar von der Heirat seiner Antonija erfuhr, ließ er sich nicht entmutigen, sondern war entschlossen, diese Tochter zu heiraten, wenn er Antonija nicht haben konnte. Nur müsste er darauf noch warten, bis Domenika erwachsen war.
Tatsächlich wurden diese beiden einige Jahre später vermählt. Kapitän Petar baute das Haus nun für Domenika, und – als er schon 76 Jahre alt war – auch diesen Turm im Jahr 1892, als Zeichen seiner wahren Liebe und Treue. Mit Domenika hatte Petar schließlich elf Kinder. Antonija hat sein Haus und den Liebesturm niemals betreten. 1897 starb Petar, 1912 Domenika. La Toretta Marinich wird für immer Symbol dieser unglücklich-glücklichen Liebe sein.
Diese wahre Anekdote spielt in Skioni, was eine Kolonie der griechischen Insel Euböa auf der Kassandra-Halbinsel im Chalkidiki war, dort wo heute das Dorf Nea Skioni liegt. In dem überwiegend von Fischerbooten benutzten Hafen ging ich vor einigen Jahren vor Anker – und abends in einer Hafenbar erzählten mir die Einheimischen stolz von ihrem berühmtesten ehemaligen Mitbewohner:
Der Historiker Herodatos von Halicarnassos, bekannt als Vater der Geschichte, berichtet, dass 480 v.Chr. der berühmte Taucher und Schwimmer Skillias aus Skioni von den Persern gefangen genommen werden sollte. Sie wussten um seine großen Fähigkeiten, die sie gegen die griechische Flotte einsetzen wollten. Als Skillias von ihren Plänen erfuhr, tauchte er in die See, kappte die Ankerleinen der persischen Schiffe und verursachte damit große Schwierigkeiten für die persische Flotte. Einen Halm als Schnorchel benutzend schwamm er, ohne an die Wasseroberfläche zu gelangen, ans neun Seemeilen entfernte Kap Artemista (wenn wir Herodatos Glauben schenken können) und verriet die persischen Pläne an die Griechen.
So vermieden die Griechen in die Falle zu gehen, die die Perser ihnen gestellt hatten, erkannten rechtzeitig deren lauernde Flotte und vernichteten sie in fortgesetzten Seeschlachten. Der Taucher Skillias hatte Griechenland gerettet. In Anerkennung der Heldentaten von Skillias und seiner Tochter „Idna, die ebenso eine herausragende Schwimmerin war und ihren Vater effektvoll unterstützte“, wie es in der Überlieferung geschrieben steht, setzten die Amphictryons ihren beiden Helden Statuen als Denkmale in der heiligsten aller griechischen Stätten, nämlich in Delphi.